Wir hier
Alex
Liebes Winterthur
Als Stadtzürcher hatte ich in meinen jungen Jahren nullkommanull Interesse an dir. Zürich hörte für mich hinter dem Milchbuck auf. Wenn ich in deine Richtung fuhr, dann nur zum Flughafen. Von hier aus erkundete ich die Welt. Was hinter dem Flughafen war, kannte ich nicht.
Erst während meines Biologiestudiums fuhr ich ein erstes Mal zu dir. Zum Billardspielen im Rheinfels. Mit zwei Freunden. Am Nachmittag. Um elf Uhr nachts war deine Polizeistunde. Zeit dich wieder zu verlassen und in Zürich, im Café Schlauch, weiterzuspielen.
Noch heute denke ich an Zürich, wenn ich an dich denke. Für mich bist du der Kreis 13 von der grossen Stadt. Ich weiss, das hörst du nicht gern.
Wenn ich an Zürich denke, denke ich an den See. Wenn ich an dich denke, denke ich, dass dir ein See fehlt.
Als ich Vierzehn war, baute ich einen See: im Schrebergarten meiner Eltern, oberhalb von Zürich. Ich hob den Sandhaufen aus und legte darin ein Biotop an.
Ich wollte dir auch mal einen See bauen. Zusammen mit Landschaftsarchitekten. Wir machten beim Gestaltungswettbewerb für den Eulachpark mit. Doch es reichte nur für den zweiten Platz. Der Landbote titelte: «Winterthur will keinen See».
Du willst keinen See! Das kann ich nicht glauben. Er hätte dir gutgetan. Da bin ich mir sicher.
Aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Wir machen eine Stärke draus! Du bist die Stadt ohne See. In zehn Jahren heisst dein Slogan: Winterthur – sans Lac.
Du brauchst dich nicht hinter Zürich zu verstecken. Du hast deine eigenen Qualitäten.
Viele Qualitäten sind nicht so offensichtlich – etwa, dass ich in fünf Minuten aus dir draussen bin. Ich bin schnell im Eschenbergwald. Im Brühlbergwald. Ich kann der Töss entlang bis zum Rhein. Oder rauf bis ins Tösstal.
Auch mitten in dir gefällt es mir, die Steibi im Sommer, der Teeladen und das Rahmenatelier oder der Kirchplatz mit dem besten Kuchen im Grand Café du Musée im Gewerbemuseum oder den tollen Buchladen am Platz.
Auf dem Lagerplatz geniesse ich den Apéro im Portier oder das Kino Cameo. Etwas weiter draussen, in Oberwinterthur, liegt etwas versteckt der Kulturraum Feilenhauer mit dem himmlischen Vegi-Buffet und den feinen Konzerten. Das alles kann mir Zürich nicht bieten.
Doch bis wir zusammenfanden ging es lange. Ich habe zwar in dir geheiratet. Meine Hochzeitsnacht hier verbracht. Nur: Gewohnt habe ich in Zürich. Später auf dem Brüttener Hochplateau mit Blick in die Alpen und auf die andere Seite hinunter zu dir.
Näher kamen wir uns erst, als du mich unbedingt wolltest. Als Leiter deiner Friedhöfe. Leben und Tod gehörte bei dir zusammen. Ich wäre darum fast nicht zu dir gezogen. Mich interessierte das Wilde, die Natur, das Leben. Ich sah mich nicht als Friedhofsverwalter.
Ich kam trotzdem. Das war eine gute Entscheidung, denn ich lebe sehr gerne bei dir. Später zählte auch noch das Bruderhaus zu meinen Aufgaben. Ich durfte den Wandel vom Tierlizoo zum modernen Wildpark mitgestalten. Noch heute ist der Weg zum Bruderhaus meine Hausrunde mit der Hündin. Abends, wenn es einnachtet, sind die Wölfe am lebendigsten.
Da, wo ich heute wohne, will ich bleiben. Hier ist es gemütlich. Ich habe einen Garten. Bin schnell in der Stadt. Meine Tochter samt Hund und Mann wohnen um die Ecke.
Seit ich hierhergezogen bin, ist viel Zeit vergangen. Ich kam zu dir, als meine Kinder noch ins Rychi-Gymi gingen. Nun sind sie schon lange selbständig und machen sich langsam Sorgen um ihren Papi.
Ich bin älter geworden und frage mich, wo ich landen werde. Klar: Irgendwann auf dem Friedhof, wo ich einst arbeitete. Vorher, so hoffe ich, habe ich denselben Mut wie meine Mutter. Sie hat mit 85 ihre Wohnung aufgegeben und ist ins Altersheim gezogen. Wenn ich mit 85 noch da bin, will ich mitten in dich ziehen. Ins Alterszentrum Neumarkt. Das wäre praktisch, dann kann ich mit den Finken ins Kino.
Dein
Alex
«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.
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