Wir hier

Dana

Liebes Winterthur

Du sprudelst nur so von Lebensenergie. Ich spüre sie in deinen Quartieren, da ist so viel Buntheit. Alle Menschen und alle Ecken der Stadt sind verschieden. Je älter ich werde, desto mehr entdecke ich dich. Du wirst grösser und grösser. Als Kind kannte ich Veltheim, wo ich wohnte, und die Altstadt. Und vielleicht noch Wülflingen. Wenn man mich irgendwo abgesetzt hätte, hätte ich vermutlich nicht zurück nach Hause gefunden.

Doch nun lerne ich immer mehr Orte und Leute kennen. Wenn ich heute in die Stadt gehe, sehe ich immer jemanden, den ich kenne. Du bist meine grosse Familie. Je mehr ich mich auskenne, desto mehr macht es dich zu meinem Zuhause. Du wirst nicht enger, sondern weiter und tiefschichtiger. Das ist ein gutes Lebensgefühl.

Deine Energie spüre ich auch an den Musikfestwochen. Ich liebe die Musikfestwochen! Sie sind mein Highlight. Seit ich ein Kind bin, gehe ich dahin. Zuerst mit einem riesigen Gehörschutz. Mein erstes Konzert an den Musikfestwochen war von «Schtärneföifi». An mein erstes Konzert für Erwachsene ging ich mit meiner Mutter, auch an den Musikfestwochen. Es spielte James Gruntz. Bis heute gilt: Ich gehe jeden Abend hin. Egal, was läuft.

Ich liebe es, mit Leuten, die nicht hier wohnen, an die Musikfestwochen zu gehen und zu zeigen: «Da! Das ist meine Stadt!» Die Reaktionen sind immer positiv.

Und ich habe ein Spiel, das ich mit diesen Leuten spiele. Ich gebe zu, es ist unfair. Es geht darum, wer wie viele Leute kennt. Für die Person, die mit mir da ist, zählt jede und jeder, den sie kennt. Ich aber muss den Leuten «Hallo» sagen, damit es zählt. Mein Maximum war fünfzehn oder zwanzig Leute an einem Abend. Wir sind eine grosse Familie!

Deine Altstadt gefällt mir, auch wenn keine Musikfestwochen sind. Gefühlt entsteht jede Woche ein neues Geschäft. Es gibt so viel, das ich noch nicht kenne. Ich finde es cool, dass du dich veränderst. Ich liebe es, in deiner Altstadt neue Läden zu entdecken und kleine Sachen zu kaufen. Alles ist im Fluss, das gefällt mir.

Ich will bei dir bleiben, das ist klar. Bis ich alt bin und zu den Alteingesessenen gehöre. Ich habe noch keine Stadt gefunden, die mir besser gefällt! Auch wenn mir ein See fehlt – oder noch besser ein Fluss. Die Töss ist zu weit weg von deinem Zentrum, die Eulach stinkt die Hälfte des Jahres.

Meine Eltern erzählten, dass sie sich auf dich freuten, als sie herzogen: «Eine Wohnung in der Stadt und ganz nah ein Bach!» Sie stellten sich vor, dass ihre kleine Tochter, also ich, im Sommer im Bach baden könnte und ich dort spielen würde. Als sie hier angekommen sind, merkten sie, dass die Eulach sich dazu überhaupt nicht eignet.

Abgesehen davon bist du wirklich grossartig. Es gibt nur einen Ort, den ich meide: eine Bank im Stadtpark. Meine Eltern hatten mir als Kind immer eingeschärft, dass ich aufpassen müsse. Ich glaube, es sassen heroinsüchtige Menschen dort. Bis heute mache ich einen Bogen um diese Bank.

Dafür gibt es bei dir auch Orte, von denen ich nicht genug bekommen kann. Ich mag den Gallispitz sehr gern. Im Alltag steige ich oft hoch, schaue über dich hinaus und atme durch. Oder eine Wiese in Seen, am Eschenberg. Auch da hat man einen schönen Blick über dich. Mitten auf der Wiese. Ich liebe diesen Blick.

Vielleicht habe ich auch darum ein Häuschen ins Auge gefasst, in dem ich gern wohnen würde. Es ist klein und blau, steht am Waldrand am Eschenberg in Seen und hat einen Garten. Rundherum sind Felder. Jedes Mal, wenn ich vorbeikomme, denke ich: «Hier hätte ich gern eine Villa Kunterbunt. Mit Hühnern, einem Garten und einer süssen Familie.» Ich stelle es mir vor wie bei Astrid Lindgren. Die Kinder gehen zum Spielen in den Wald und kommen dreckig wieder nach Hause. Ich bin auch so aufgewachsen, aber das weisst du ja.

Was ich bei dir mit Zeit gelernt habe: «von nichts kommt nichts.» Ich sage diesen Satz gern. Ich muss etwas geben, damit etwas zurückkommt. Ich muss mich etwas trauen, dann passieren unverhoffte Dinge. So habe ich einmal eine gute Freundin gefunden. Einfach, weil ich mich getraut habe, etwas Neues auszuprobieren und jemanden anzusprechen.

Mit dem, was ich mache, trage ich zu deiner Lebensenergie bei. Ich habe dir Tanzaufführungen geschenkt. Kleine Momente, in denen Menschen lachen und geniessen können. Momente, mit denen ich helfe, dass du bunt, lebendig bleibst. «Von nichts kommt nichts» – und es kommt noch viel!

Deine
Dana

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

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