Wir hier

Hedi

Liebes Winterthur

Mein erster Spaziergang führte mich zu deinem Bäumli. Ich schaute auf dich hinunter. «Wo ist dein See?», fragte ich. In Stäfa, wo ich aufgewachsen bin, war der See immer bei mir. Ich konnte ihn aus meinem Zimmer sehen.

Ich gewöhnte mich schnell daran. Heute will ich nicht mehr nach Stäfa. Ich bin gerne bei dir.

Mein wichtigster Ort hier bei dir ist die Neuapostolische Kirche. Zur Gemeinde fand ich dank meiner Tante. Als ich vier Jahre alt war, starb meine Mutter. Wir wohnten in Hombrechtikon auf einem grossen Bauernhof. Meine Tante wollte meinen Vater entlasten und hat mich aufgenommen. Mein kleiner Bruder und meine beiden grossen Schwestern blieben auf dem Hof. Ich kam nach Stäfa und so auch in die Gemeinde. Ich sage immer: Wenn ich meinen Glauben nicht hätte, wäre ich ein Blatt im Wind.

Über all die Jahre blieb ich den Neuapostolen verbunden: in Neuenburg, in Bradford, in Zug, in Spycher, in Männedorf und hier bei dir.

Als ich jung war, kam ich viel herum. Ich reiste, um Sprachen zu lernen. Französisch und Englisch. Die Welt interessiert mich.

Auch mein Weg zu dir führte über die Welt. Ich arbeitete in Zug. Unsere Firma hatte einen Telex, einen grossen Kasten mit einer Schreibmaschine. Mit ihm konnten wir mit der ganzen Welt schreiben. Unter meine Nachrichten schrieb ich jeweils: «einen guten Tag und viele Grüsse». Ein Mann aus Holland erwiderte die Grüsse und wollte mehr wissen.

Wir blieben im Kontakt, schrieben uns Briefe. Irgendwann wollte er mich kennenlernen. Er besuchte mich. Wir machten Ferien in Italien. Er hatte mehr Interesse und suchte eine Stelle in der Schweiz. Bei Volkart in Winterthur fand er eine.

Eigentlich hätte ich gerne bei der Swissair als Stewardess gearbeitet. Aber das wollte er nicht. «Mach das nicht», sagte er. «Wenn du eine Uniform anhast, dann wirst du angemacht. Es ist besser, wir heiraten.» Das haben wir dann auch gemacht. So kam ich zu dir.

Wir zogen in ein Haus am Lindberg. Ich brachte drei Kinder zur Welt. Zeit für mich blieb damals wenig. Es war viel und streng.

Ein kleiner Freiraum war der Wochenmarkt. Der gefiel mir. Immer am Dienstag und am Freitag kaufte ich frisches Gemüse. Am liebsten bei Frau Spalinger, die nur biologisch anbaute, ohne künstlichen Dünger. Ich kannte die Leute auf dem Markt und sie kannten mich. Einmal hatte ich das Portemonnaie vergessen. Da gab mir der Obstbauer die Äpfel einfach mit; dazu zwanzig Franken, damit ich weiter einkaufen konnte.

Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, kommt mir ein Erlebnis in den Sinn. Ich war mit meinem Ältesten in deiner Altstadt einkaufen. Als ich in einen Laden ging, um ein Kleid anzuprobieren, sagte ich meinem Sohn, er solle warten. Als ich wieder rauskam, war er weg. Ich war in Panik. Suchte ihn überall. Ich lief nach Hause, fragte unterwegs Polizisten, ob sie meinen Vierjährigen gesehen hätten. Als ich zu Hause ankam, sass er auf der Treppe. Das habe ich nie mehr vergessen.

Vierzig Jahre lang wohnte ich mit meiner Familie am Lindberg. Das war mein Zuhause. Das war meine Welt.

Mit meinem Mann wurde meine Welt aber zu eng. Es ging nicht mehr. Wir trennten uns und ich blieb mit meinen Kindern allein.

Ich heiratete ein weiteres Mal, doch mein zweiter Mann starb nur wenige Monate später an Leberkrebs.

Zum Glück hatte ich meinen Glauben und meine Familie. Sie trug dazu bei, dass ich nicht allein blieb. Ich erinnere mich genau an Weihnachten vor achtzehn Jahren. Alle waren da. Meine Kinder. Ihre Partnerinnen und Partner. Meine Enkel. Die Frau von meinem Mittleren drückte meinem ältesten Enkel die NZZ in die Hand und sagte, er solle vorlesen. «Winterthurerin sucht», las er vor. Meine Schwiegertochter hatte in der Zeitung eine Annonce für mich geschaltet. «Nach Weihnachten hast du Post», sagte sie. Und ich hatte Post, darunter der Volltreffer.

Wir verabredeten uns im National zum Abendessen. Als ich hereinkam, stand er auf und gab mir einen Kuss auf die Wange – obwohl wir uns zum ersten Mal sahen! Es fühlte sich richtig an. Wir hatten uns so viel zu erzählen, dass wir erst nach zwei Stunden bestellten.

In Venedig machte er mir einen Heiratsantrag. Er ging auf die Knie und ich sagte nein. Ich wollte nicht mehr heiraten. Ja gesagt habe ich später dennoch, hier bei dir, als wir zusammen in unserem Garten sassen, bei einem Glas Wein. Und ich würde wieder ja sagen.

Es war nicht immer einfach. Aber am Schluss stimmt alles. Vorwärts sehen, rückwärts verstehen. Ich nehme es, wie es kommt und ich vertraue darauf, dass es gut kommt. Ich hoffe, du auch.

Deine
Hedi

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

Post bekommen

Abonnieren Sie den Newsletter von «Wir hier» und bekommen Sie Post. Wir halten Sie auf dem Laufenden über unsere Veranstaltungen und Projekte.

Impressum und Datenschutz

Nach oben scrollen