Wir hier
Martin
Liebes Winterthur
Dein Fussballclub ist etwas Besonderes. Das habe ich gelernt in den achtzehn Jahren, in denen ich hier bin. Der FCW ist in der linken Szene ein Treffpunkt zum Kennenlernen. Ich bin leider kein Fussballfan. Ich fahre zwar oft mit dem Velo an der Schützenwiese vorbei, denn ich bin ein passionierter Velofahrer, was bei dir sehr gut funktioniert. Aber ich war nur einmal an einem Fussballspiel vom FCW, als dein Club noch nicht in der ersten Liga spielte und man in den letzten Minuten gratis zuschauen durfte. Ich bin immer neugierig, also ging ich auch da hin. Aber es hat mich nicht gepackt.
Was mich dagegen fasziniert ist, wie eine Einzelperson wie Erwin Schatzmann dich auf ganz unkonventionelle Art und Weise prägen kann. Einer von 120‘000 Menschen. Was er macht, hat eine Ausstrahlung auf die Stadt. Ich zeige meinen Gästen darum immer sein Morgenland. Das ist etwas ganz Besonderes. Wenn ich irgendwo bei dir eine Skulptur aufstellen würde, dann wäre es eine von ihm.
Einzelpersonen, Paare oder kleine Gruppen, die etwas Aussergewöhnliches anreissen, machen dich aus. Da gibt es zum Beispiel «Feilenhauer», am Weg den Gleisen entlang nach Oberwinterthur. Im kleinen, selbständigen Kulturzentrum gibt es anspruchsvolle Musik, dazu teilweise Texte und Essen. Oder die «Jungkunst». Ein paar junge Menschen, die sich zusammentun und sagen: Auch wenn Winterthur nicht beste Bedingungen für Kultur bietet, wollen wir hier etwas aufbauen. Oder die «Eisblumen» des Figurentheaters im Waaghaus, der kulturelle Überraschungs-Adventskalender, der jeweils nur durch ganz viel freiwilliges Engagement entsteht. Es gibt bei dir so viele Leute, die sich für Kultur einsetzen. Das mag ich sehr.
Ich selbst habe dir auch elf Jahre lang Musik geschenkt. Nicht mitten in der Stadt, sondern draussen, in Neuhegi. Weisst du noch, wie Ernst Wohlwend gesagt hat, dort entsteht dein neues Stadtzentrum. Mit ein paar Mitstreitern wollte ich das neue Stadtzentrum unterstützen. Und so haben wir in der Giesserei, dem grossen Genossenschaftshaus der Gesewo das Musikzentrum gegründet. Wir boten dort Musikunterricht an und regelmässig Konzerte. 150 Konzerte waren es in elf Jahren. Alle möglichen Musikstile waren vertreten. Von seitens deiner Verwaltung gab es keinerlei finanzielle Unterstützung. Einen Plan, das «zweite Stadtzentrum» auch kulturell zu entwickeln, war nicht zu erkennen. Ich aber bin zufrieden mit dem, was wir gemacht haben. Mittlerweile haben wir das Musikzentrum aufgelöst, ich bin ja nun auch pensioniert.
Mein Studium und die Jahre danach habe ich in Bremen verbracht. Erst 2007 zog ich zu dir. Der Liebe wegen. Meine Partnerin kenne ich aus der Chorwoche beim Maloja. Jedes Jahr habe ich diese Woche geleitet, von 1997 bis heute. Das Haus, in dem ich in Wülflingen wohne, gehört auch einem Teilnehmer aus der Chorwoche. Er bot mir an, drei Monate in seiner Wohngemeinschaft zu wohnen. Nach achtzehn Jahren bin ich immer noch hier.
Doch auch nach all diesen Jahren habe ich gefühlt noch immer nicht den vollen Anschluss bei dir gefunden habe. Ich weiss, dass das nicht nur bei dir so ist, sondern in allen Städten. Dennoch schmerzt es. Ich hatte durch meine Frau und ihre Schwester zwar schnell Familienanschluss. Doch in der kulturellen Welt und in der Giesserei war das nicht so einfach.
In Bremen gibt es den Ausspruch: «Buten un binnen – wagen un winnen» – «Draussen und drinnen – wagen und gewinnen». Draussen und nicht drinnen, so fühle ich mich bei dir. In Bremen gehört man zu den «Tagenbaren», den Insidern, wenn man in der dritten Generation in Bremen aufwächst. Hier ist es vergleichbar. Ich bin nicht vorgestossen zu deinen Tagenbaren. Ich kenne fast niemanden, der hier aufgewachsen ist.
Wenn man an einem Ort zur Schule ging, kennt man Hinz und Kunz, ganz egal, was sie jetzt machen. Wenn man zugezogen ist, wählt man Leute aus, zu denen man einen guten Draht hat, oder einen ähnlichen Hintergrund haben wie man selbst. Das ist nicht dasselbe. Das gibt nicht das gleiche Heimatgefühl.
Was ich immer mehr schätze, sind die Bekanntschaften über die eigenen Kreise hinaus. Nach achtzehn Jahren in Wülflingen kennen mich nun die Verkäuferinnen im Coop und in der Migros. Wenigstens vom Sehen. Und es gibt auch einige Leute auf der Strasse, die ich grüsse. Und sie mich. Je älter ich werde, desto mehr merke ich, wie ich mich darüber freue. Es sind Leute, mit denen ich wenig zu tun habe. Es sind einfach Nachbarn.
Bei uns in der Strasse gibt es ein jährliches Nachbarschaftsfest. Da sitzt die ganze politische Bandbreite zusammen. Was mir sonst fehlt bei dir, funktioniert da prima: Diversität und Toleranz. Man trinkt einen Kaffee zusammen und das hilft das Jahr über, es nett miteinander zu haben.
Diese beiden Dinge gefallen mit am besten bei dir: dass Menschen sich einsetzen für Kultur – und dass Menschen sich einsetzen, es nett miteinander zu haben. Dafür gibt es zwar ebenfalls kaum Subventionen, aber dafür braucht es zum Glück auch keine.
Dein
Martin
Mehr über Martin erfahren: Martin Lugenbiehl ist Musik- und Gesangspädagoge. Er leitet auch nach der Pensionierung verschiedene Chöre, veranstaltet Chorwochen und Chorseminare. https://stimmeundchor.ch
«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.
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