Wir hier

Monica

Liebes Winterthur

Als ich dich das erste Mal traf, warst du bunt und voll. Als Teenager fuhr ich zusammen mit meinen Pfadi-Freunden an dein Albanifest: mit dem Motorrad von Oberuzwil nach Winterthur. Mitten in deiner Altstadt waren überall Leute. Ein grosser Jubeltrubel!

Ich liebte es! Besonders gefielen mir die Bahnen. Am Graben stand die «Enterprise» – rund wie ein Riesenrad, aber mit einem Hebearm in der Mitte, der die Bahn hochhob und schnell zum Rotieren brachte. Die «Enterprise» war jedes Jahr auf unserem Programm. Die wildesten Bahnen waren die besten!

Die andere Seite, die ich von dir kannte, war grau und karg. Es war dein Gesicht, das du mir zeigtest, wenn ich mit dem Zug durch dich hindurchfuhr: vom St. Gallischen aus an den Flughafen oder nach Zürich. Alles, was ich von dir sah, war Industrie. Ich hätte damals nie gedacht, dass ich einmal bei dir wohnen würde.

Doch es war genau eine solche Durchfahrt, die dazu führte, dass ich zu dir zog.

Ich war zweiundzwanzig Jahre alt, als ich mit meiner Schwester nach Paris fuhr. In Winterthur setzte sich ein junger Mann zu uns ins Abteil: in voller Motorradmontur. «Ist dein Töff kaputt?», fragten wir und kamen ins Gespräch. Er wollte in Basel sein neues Motorrad abholen und von da heim zur dir fahren.

Als sich unsere Wege trennten, rief ihm meine Schwester nach: «Wir schreiben dir eine Postkarte!» «Felix Sutter, Winterthur, das sollte reichen», meinte er und verschwand. Meine Schwester hielt Wort: Sie schrieb ihm eine Postkarte aus Paris, mit unserer Festnetznummer vom Elternhaus, wo wir beide noch wohnten. «Hier unterschreib», sagte sie zu mir.

Ein paar Tage später klingelte unser Telefon. Felix und ich begannen uns zu treffen und wurden ein Paar. Wir zogen zusammen – also: ich zu ihm und damit auch: ich zu dir.

Felix und ich heirateten. Unsere Tochter kam zur Welt. Irgendwann ging unsere Beziehung wieder auseinander. So spielt das Leben.

Auch wir gingen auseinander. Ich zog ins Tösstal. Aber nur für vier Jahre, dann kam ich wieder zurück zu dir. Ich hatte dich vermisst. Deine Kultur. Deine Menschen. All das, was ich an dir liebe.

Du weisst: Ich bin in dir viel unterwegs. An den Musikfestwochen, den Afro-Pfingsten, im Kino, beim Sporttreiben oder am Tanzen: im Bolero, in der Esse-Bar, im Lokal. Du bietest so viel!

Und wenn mir etwas fehlt, dann mache ich es selbst. So wie den Fez, den ich vor über zehn Jahren mit zwei Freundinnen ins Leben rief. Unser Fez ist eine grosse Tanzparty mit Musik aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Disco, Rock. Boney M., Village People, Status Quo, Deep Purple. Keine Schlager, kein Holdrio. Einfach «the best music ever». Musik aus der Zeit, als wir jung waren.

Heute gibt es viele solche Partys. Vor zehn Jahren gab es das in dir noch nicht. Da gab es nur Clubs für Jüngere, die Bum-Bum-Musik hörten. Wir wollten etwas für uns.

Unser Fez ist ein Fest für alle, die Freude am Tanzen haben.

Genau das geniesse ich bei dir, dass ich so sein kann, wie ich bin. Ich muss bei dir keine Angst davor haben, was andere von mir denken. Ich kann das machen, worauf ich Lust habe.

Ich bin gerne bei dir. Du hast mich immer machen lassen. Bei dir durfte ich selbstständig sein, gerade weil du mich als alleinerziehende Mutter dabei unterstützt hast. Mein Sohn konnte zu einer Tagesmutter, meine Tochter konnte einen Kindergarten mit Mittagstisch besuchen. Dass es bei dir solche Angebote gibt, dafür bin ich dir dankbar.

Wenn ich zurückdenke, weiss ich trotzdem nicht, wie ich alles unter einen Hut gebracht habe. Meine Kinder, meinen Beruf, meine vielen Hobbies. Aber ich weiss, dass ich auf dich zählen konnte. Dass du mir viel ermöglicht hast.

Wenn ich jemandem von dir erzähle, dann nur Gutes!

Bleib so vielfältig und offen, wie ich dich kenne.

Deine
Monica

Mehr über Monica erfahren: Monica organisiert mit Irene und Heidi alle zwei Jahre den Fez in der Disco Lightfire. Mehr zum Fez Winterthur auf der Website: https://www.fez-winterthur.ch/

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

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