Wir hier

Renate

Liebes Winterthur

Bei dir leben offene Menschen, menschenfreundliche Menschen. – Vielleicht sollte ich das nicht so pauschal sagen? Und doch erlebe ich es so.

Wer bei dir wohnt, lässt sich auf Begegnungen ein: auf einen kleinen Schwatz, ein nettes Wort, einen Kommentar – an der Supermarktkasse, zwischen den Regalen in der Bibliothek. Es sind kurze Momente, kleine Gespräche, die sich spontan ergeben. Wenn ich auf einem Spaziergang der gleichen Person immer wieder begegne, grüsse ich sie mit einem «wieder einmal». Ein Zeichen, dass wir uns wahrnehmen.

So lernte ich auch meinen Mann kennen. Ich sah ihn auf deiner Marktgasse und wusste, dass ich ihn schon einmal gesehen hatte. Ich überlegte wo und starrte ihn dabei etwas zu lange an. Richtig unhöflich. «Entschuldigung», sagte ich, «ich glaube wir kennen uns von irgendwo.» Er nahm mich erst jetzt wahr. «Ich kenne dich nicht», sagte er. Das stimmte, aber gesehen hatten wir uns trotzdem schon einmal. An der Serenade Töss. Er war mit seinen Kindern da, ich sang im Chor. Offenbar blieb er mir im Kopf. Er hatte keine Ahnung, wer ich war, meinte aber: «Wenn wir uns wieder einmal sehen, gehen wir eins trinken.»

Zwei Wochen später begegneten wir uns zufällig in Zürich, an einer Theaterpremiere einer gemeinsamen Bekannten. «Gehen wir jetzt eins trinken?», fragte er. Ich schlug einen Spaziergang durch deinen Eschenbergwald vor. Beim Gehen fällt es mir leichter, draufloszureden.

Wir hatten uns viel zu erzählen. Irgendwann begann es zu regnen. Ich kannte eine Abkürzung, den Hang hinunter, durchs Gebüsch. Wir waren bis zu den Knien voller Dreck. Als wir wieder in der Stadt waren, wollte ich mit ihm noch ins Barnabas. Alles war besetzt. Doch das Personal war nett, setzte uns ins Büro und brachte uns ein Cüpli. Wir sollten warten, es gäbe schon noch einen Tisch für uns. Wenn mein Mann die Geschichte erzählt, sagt er immer: «Die haben uns sicher bereits angesehen, dass wir zusammengehören.»

Heute leben wir zusammen in Töss. Ich bin als Kind viel umgezogen und kann mir vorstellen, irgendwann auch woanders zu leben. Mein Mann ist bei dir aufgewachsen. Er kann sich nicht vorstellen, wegzugehen. Mir ist allgemein aufgefallen, dass die Menschen, die bei dir leben, tiefe Wurzeln schlagen. Wenn man bei dir ist, bleibt man bei dir. Ich weiss auch nicht, woran das liegt.

Aber im Moment ist es auch mir immer noch sehr wohl bei dir. Dein Leben interessiert mich. Ich will dazu beitragen, dass es blüht.

Das habe ich auch gemacht. Ich habe zum Beispiel mitgeholfen, die Fabrikkirche aufzubauen. Mich interessierte die Gemeinschaft, die hier am Entstehen war. Eine offene Gemeinschaft, die nach Gemeinsamkeiten suchte. Wir veranstalteten auch religionsübergreifende Feiern. Schliesslich sind wir alles Menschen – mit ähnlichen Träumen, Bedürfnissen, Vorstellungen vom Jenseits. Schade, dass es diesen Ort nicht mehr gibt.

Heute schenke ich dir Fantasie. In meinen Theaterkursen versuche ich Kindern, die Welt der Geschichten zu zeigen. Die Lust am eigenen Fabulieren. Mir ist aufgefallen, dass ihre Fantasie stark von Bildern aus Games beeinflusst ist. Ihre Fantasie wird von fertigen Bildern überlagert. Auch daraus lässt sich etwas machen, aber ich hoffe, dass ich sie wieder dazu bringe, ihre eigenen Bilder zu entwickeln.

Es sind kleine Anstösse. Aber das ist das, was ich dir und deinen Menschen geben kann. Etwas fürs Herz.

Etwas, das du mir gegeben hast, ist Gelassenheit. Als junge Primarlehrerin musste ich immer alles genau durchdacht und vorbereitet haben. Sonst kriegte ich Panik. Du hast mich geerdet. Mit deinen Hügeln und deiner Ruhe. Statt mir am Pult den Kopf zu zerbrechen, ging ich spazieren. Ich lernte, auch mal vor meine Klasse zu treten ohne einen genauen Plan.

In deinen Wäldern kann ich mich verlieren, beim Gehen gehenlassen. Wenn ich über den Langenberg zum Gamser spaziere oder über Hoh-Wülflingen ins Totentäli. Feste Wege habe ich dabei keine. Am liebsten nehme ich kleine Pfade, ehemalige Holzerwege, von denen ich noch nicht weiss, ob sie mich zum Ziel bringen.

Es sind die kleinen Dinge, die dich gross machen. Die kleinen Begegnungen, die versteckten Pfade.

Würde ich dir Denkmal setzen, dann stelle ich mir eine verspielte Skulptur vor. Sie würde im Münzkabinettpark stehen. Leicht und verwoben. Grosse, dicke und dünne Reifen, ineinandergreifend, sich überlagernd. Wir könnten durch die Skulptur hindurchgehen. Die Reifen wären verspiegelt, so dass wir uns darin sehen können. Uns wahrnehmen.

Vielleicht kennst du jemanden, den dir eine solche Skulptur schenkt? Sie würde zu dir passen.

Deine
Renate

Mehr über Renate erfahren: Renate Striegel ist Lehrerin, Katechetin, Redaktorin und Theaterpädagogin. Und sie ist als Clownin Lotta del Fina unterwegs. Lotta del Fina ist nicht sehr bekannt. Aber sie sorgt für heitere Momente an Kindergeburtstagen, an Sommerfesten und an Hochzeiten.

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

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