Wir hier

Ruth

Liebes Winterthur

Als ich zu dir zog, bekam ich von der Stadtverwaltung ein Gutscheinheft. Dabei war auch ein Gutschein vom Münzkabinett, mit dem Titel «Ihre Viertelstunde mit einer Münze». Über zehn Jahre später löste ich den Gutschein ein. Der Leiter vom Münzkabinett sagte: «Den habe ich noch nie gesehen.» Er empfing uns dennoch und zeigte uns eine halbe Stunde lang Münzen aus der Sammlung. Es gab solche aus der Zeit von Cäsar, die hier bei dir gefunden wurden! Ich war begeistert.

Bei dir konnte ich mich öffenen. Als ich mit Fünfundzwanzig zu dir kam, begann ich zu klettern und Lindy Hop zu tanzen. Wenn ich Lust habe, etwas zu machen, dann finde ich das bei dir. Trotzdem bist du überschaubar.

Erinnerst du dich, als ich dich das erste Mal besuchte? Du hast mir gleich gefallen. Kurz darauf zog ich zu dir, einfach weil ich wohl bei dir war. Es muss ja nicht für immer sein, sagte ich mir damals. Alt werde ich hier nicht. Und doch wurde ich während den letzten Jahre gern älter bei dir.

Mein Traumhaus zum Älterwerden hatte ich eigentlich schon gefunden. Ein riesiges, altes Bauernhaus in Seen. Man spürte, dass das Haus viel erlebt hatte. In den Achtzigerjahren war hier eine WG zu Hause, die bei den «Winterthurer Ereignissen» eine Rolle spielte. Darin wohnte auch der Kunstmaler Aleks Weber, der wegen drei Sprengstoffanschlägen verurteilt wurde. Ich wohnte dort ebenfalls in einer WG. Doch dann brannte es im Erdgeschoss und wir mussten raus – so zog ich weiter.

Das war auch in Ordnung. Umziehen stört mich nicht. Im Gegenteil: Ich wohne gerne an neuen Orten. Sesshaft werde ich wohl nie.

Ich habe in fast allen Stadtteilen von dir gewohnt: zuerst in Oberwinterthur, dann in der Nähe vom Hauptbahnhof, dann in Veltheim, in Wülflingen, in Seen, dann wieder beim Bahnhof, in Töss und jetzt wieder in Seen. Schon drei Jahre bin ich am jetzigen Ort. Eine lange Zeit für mich.

Auch als ich nicht bei dir war, zog ich viel von einem Ort zum anderen. Lange passte mein Hausrat in ein paar Boxen. Einmal zog ich in einem einzigen Jahr vier Mal um. Weitergehen, neues entdecken – das gefällt mir. Das Umherziehen liegt in mir drin. Nicht als Reisende. Ich bin nicht der Typ, der zwei, drei Wochen in die Ferien geht. Lieber lasse ich mich für eine Zeitlang ganz auf einen Ort ein.

Oder auf eine Sache: Was ich beginne, mache ich intensiv. Ich vertiefe mich darin. Wie das Klettern oder das Lindy Hop Tanzen. Irgendwann habe ich genug und es steht etwas anderes an. Seit Kurzem bin ich beim Pilzverein dabei.

Und ich liebe meinen Garten! Das habe ich erst bei dir begonnen. Die Pünt ist auch ein Zuhause für mich. Aber nicht einmal sie ist sesshaft. Wir hatten erst eine in Töss, jetzt eine in Seen. Meine Pflanzen kamen mit; auch sie dürfen sich nicht zu fest verwurzeln.

Auch ohne feste Wurzeln fühle ich mich hier bei dir zu Hause. Mit deinen Menschen komme ich schnell in Kontakt. Hier komme ich in Gruppen hinein und gehöre gleich dazu. Das ist mein Winterthur.

Seit einem Jahr bin ich beim Verein «Brunnen gehn» dabei. Eine schöne Idee. Als ich davon hörte, wollte ich gleich mitmachen. Wir heizen deine Brunnen und machen sie wieder zu den sozialen Treffpunkten, die sie mal waren. Deine Verwaltenden waren erst skeptisch. Wir mussten sie überzeugen, dass es ein gutes Projekt ist. Dieses Jahr gelang es uns, ein paar weitere deiner Brunnen beheizen zu dürfen.

Einen Brunnen zu heizen, braucht Energie. So viel ist es aber gar nicht. Auf jeden Fall viel weniger, als wenn alle ihre eigene Badewanne füllen würden. Zudem bringen wir das Material mit dem Velo hin. Auch die Pumpe, die das Brunnenwasser durch unseren Holzofen pumpt, treiben wir durch ein Velo an.

Das passt zu dir. Du bist eine Velostadt. Auch für mich. So bin ich in dir unterwegs.

Bloss sind deine Velowege katastrophal. Dort, wo ich jetzt wohne, werde ich wöchentlich fast angefahren. Wenn ich nicht aufpassen würde, hätte mich schon lange ein LKW überrollt.

Da musst du dich entwickeln! Langsamer werden. Ruhiger werden. Ganz buchstäblich: Die vielen Autos machen zu viel Lärm. Es wäre viel schöner, wenn wir alle mit dem Velo unterwegs wären.

Würde dir das auch gefallen?

Deine
Ruth

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

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