Wir hier

Christine

Liebes Winterthur

Ich habe dich schätzen gelernt in den letzten fünfzehn Jahren, seit ich hier wohne. Ich nehme dich immer genauer wahr. Du bist so ganz anders als Wien, wo ich studiert und meine künstlerische Laufbahn begonnen habe. Und du bist anders als St. Gallen, wo ich schon länger an der Schule für Gestaltung arbeite.

Kunst gehört zu meinem Leben. Zum Beispiel mache ich seit gut zwanzig Jahren mit einer Wiener Autorin Bilderbücher. Sie schreibt, ich zeichne, im Austausch kreieren wir. Die letzten beiden Bücher entstanden, als ich bei dir wohnte. Es war schön zu merken, dass sich dadurch Türen öffneten: Für beide Bücher wurden wir für die Vernissage in die Stadtbibliothek eingeladen. Das war ein gutes Gefühl. Als Künstlerin ankommen und ernst genommen werden. Meine Profession braucht eine gewisse Öffentlichkeit.

Ich wusste, ich will mich auf dich einlassen und mich am kulturellen Geschehen beteiligen.

Umso mehr erschrak ich, dass in einem anderen Moment die Türen verschlossen blieben. Als vor zwei Jahren mein Lieblingsmuseum, das Gewerbemuseum, eine Ausstellung über Bilderbücher machte, kamen meine Bücher darin nicht vor. Das hat mich getroffen. Es kränkte mich. Wenn da keine Resonanz ist, dann ist das schade. Ich habe gemerkt: Je mehr ich mich mit dir identifiziere, desto verletzlicher werde ich. Und offenbar identifiziere ich mich mehr mit dir als ich gedacht habe.

Hier, wo ich wohne, möchte ich ebenfalls wahrgenommen werden.

Und ich möchte dich wahrnehmen: Ich möchte mehr über dich erfahren. Ich schaue in letzter Zeit regelmässig die Ausschreibungen des Heimatschutzes an, um zu sehen, wo ich etwas über dich lernen könnte.

Nicht nur dich und deine Geschichte möchte ich besser kennenlernen, ich bin auch an deinen Menschen interessiert. Ich will wissen, wer im Quartier wohnt, wer auf dem Markt Essen verkauft, wer im Wald spaziert und wer in den Bus steigt. Ich interessiere mich sehr für das, was in unserer Nähe passiert.

Ein guter Ort dafür ist das Stadttor am Bahnhof. Es ist kein richtiges Tor. Nicht wie das Untertor oder das Obertor, die mal deine Tore waren. Das Stadttor ist abstrakt. Und doch es ist ein wichtiger Ort: Da trifft man sich, da macht man ab, da beobachtet man. Es ist ein Ort, an dem man gespannt wartet, ob man sich findet oder nicht. Ob es klappt oder nicht.

Da war zum Beispiel dieser Mann. Wenn ich am Morgen auf den Zug ging, stand beim Bahnhof jeweils ein Pensionato, ein Italiener, der ganz in sich versunken war. Und dennoch schaute er umher. Ich habe später gelesen, dass dein Bahnhofplatz für die Gastarbeiter aus Italien in den 60er und 70er Jahren ein wichtiger Treffpunkt war. Er muss eine Art «Piazza» für sie gewesen sein und ihnen ein Stück Heimat gegeben haben. Das hat mich sehr berührt. Diese Teilhabe am Leben, dieser öffentliche Treffpunkt. Ich habe den Mann jetzt schon länger nicht mehr gesehen.

Ich selbst lebte lange anderswo: im Säuliamt, in Wien, auf dem Hasliberg, in Zürich. Gesucht habe ich dich nicht. Du warst der Ort, an dem der wohnte, der später mein Mann wurde. Du warst der Ort zwischen St. Gallen und Zürich, zwischen Arbeit und Eltern. Du warst der Ort, der nicht so cool und hip ist wie Zürich und nicht so bescheiden wie St. Gallen. Du liegst dazwischen.

Ich lebte lange anderswo – doch nun bin ich hier bei dir. Es ist längst nicht mehr so, dass ich denke, dass ich einfach hier wohne, weil ich schnell am Hauptbahnhof bin, am Flughafen oder in Wien. Sondern hier bin ich und hier werde ich bleiben. Das wurde mir deutlich, als ich mein eigenes Atelier im Garten vor unserem Haus baute. Ein Glück. Ein wahnsinniger Luxus. Seit diesem Moment fühlt sich mein Leben nicht mehr provisorisch an.

Es sind kleine Dinge, die ich an dir grossartig finde. Mit dem Zehnerbus fahren etwa. Da sehe ich, wer in meiner Nähe wohnt. Am Morgen steigt manchmal der Stadtpräsident ein. Am Abend fährt er zurück. Müde, nach einem langen Tag. Wie ich, wenn ich von St. Gallen wieder nach Hause fahre. Mit dem Zehnerbus.

Deine
Christine

Mehr über Christine erfahren: Christine Aebi arbeitet in Winterthur als freischaffende Künstlerin und Lehrbeauftragte an der Schule für Gestaltung / Höhere Fachschule für Künste, Gestaltung und Design, St. Gallen. https://christineaebi.ch

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

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