Wir hier
Dario
Liebes Winterthur
Meine ersten Jahre verbrachte ich in Seen, doch schon bald zogen wir nach Hagenbuch. Ich lebte nicht mehr bei dir und trotzdem fühlte ich mich immer noch als Winterthurer. Ich blieb mit dir verbunden.
Das hat auch mit meiner Familie zu tun. Meine Grosseltern väterlicherseits und meine Grosseltern mütterlicherseits wohnten bei dir.
Bei den einen Grosseltern übernachtete ich als Jugendlicher jeweils, wenn ich in der Stadt im Ausgang gewesen war. Einmal wurde es beim Albanifest sehr spät. Ich ging zu ihnen, getraute mich aber nicht zu klingeln. Ich legte mich einfach im Gartenhaus in den Liegestuhl schlafen. Am Morgen fand mich meine Grossmutter und schalt mich: «Du hättest mich wecken sollen!»
Der Vater meines anderen Grossvaters war Tessiner. Er kam in die Deutschschweiz, um bei der Rieter zu arbeiten. Irgendwann konnte sich mein Urgrossvater ein Haus im Dättnau kaufen. Das war damals auch für Arbeiter möglich. Er war sozusagen dafür verantwortlich, dass ich wieder zu dir zog. Denn heute wohne ich mit meiner eigenen Familie in diesem Haus.
An unserem Haus liegt mir sehr viel. Vielleicht, weil es so viel Familiengeschichte in sich trägt. Oder weil wir es selbst umgebaut haben? Mein Vater ist Architekt. Er hat den Umbau geplant. Ich selbst habe viel Zeit und Arbeit in den Umbau gesteckt. Auch das Handwerk liegt bei uns in der Familie: Feinmechaniker, Bodenleger. Von meinen Vorfahren habe ich einiges an Geschick und Talent geerbt.
Vor ein paar Jahren wollten wir das Haus verkaufen. Wir hatten es bereits ausgeschrieben und interessierten Parteien gezeigt. Dabei merkte ich, dass ich jede Schraube kenne. Und es wurde mir klar, dass ich das Haus gar nicht verkaufen wollte – sondern viel lieber daran weiterarbeiten möchte. Es gibt immer was zu tun. Jetzt wäre es an der Zeit, die Sockelleisten zu ersetzen.
Ich konnte das Haus nicht loslassen. Es gehört zu mir, zu meiner Familie und zu dir: Dank diesem Haus fühle ich mich heimisch bei dir. Ich hatte mich für das Haus entschieden und wenn ich mich einmal für etwas entschieden habe, bleibe ich dabei. Das gilt für dich. Das gilt für unser Haus. Und das gilt für meine Arbeit.
Seit ich bei dir wohne, arbeite ich als Lehrer im gleichen Schulhaus. Das sind bereits siebzehn Jahre. Gleiche Stadt. Gleiches Haus. Gleiche Arbeit. Und doch bleibe ich nicht stehen.
Mein Beruf gibt mir Energie und lässt mich vorwärtsschauen. Das ist wichtig, denn in der Schule kann ich keine negative Einstellung haben. Die Kinder müssen eine positive Haltung zur Welt entwickeln können, und das geht nur, wenn ich diese auch habe. Zum Glück fällt mir das nicht schwer. Meine Erfahrungen lassen mich positiv auf die Welt blicken.
Durch meine Arbeit versuche ich diese positive Haltung den Schülerinnen und Schülern weiterzugeben. Dazu gehört, dass ich den Kindern meine Begeisterung für das Malen zeige. Kürzlich sagte ein Mädchen zu mir: «Sie können brutal gut malen!» Das hat mich sehr gefreut, auch wenn ich heute gar nicht mehr so oft male wie früher während der Ausbildung.
Was ich immer noch gerne mache, ist Malerei ansehen. Am liebsten gehe ich ins Oskar Reinhart am Römerholz. Schon als Bub fand ich es schön dort. Meine Eltern haben mich jeweils mitgenommen. Die ruhige Stimmung und die Bilder gefallen mir sehr. Mein Lieblingsbild ist von Manet. Es zeigt Leute, die im Café sitzen. Jemand hat einen Humpen Bier vor sich. Jedes Mal, wenn ich da bin, gehe ich mir dieses Bild anschauen. Irgendwie zeigt mir das Bild, dass ich meinen Platz gefunden habe. Dass ich hier richtig bin. Mittlerweile nehme ich meine eigenen Kinder mit. Ich hoffe, dass auch sie ihren Platz finden.
Auch wenn meine Grosseltern leider nicht mehr leben, bist und bleibst du die Stadt meiner Familie. Ich wünsche mir, dass das noch lange so bleibt.
Dein
Dario
«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.
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