Wir hier

Donato

Liebes Winterthur

Du bist meine Stadt. Das habe ich vor vierzig Jahren entschieden. Ich sagte damals: «Ich bin nun mehr als fünfzehn Jahre in der Schweiz. Ich habe eine gute Frau. Ich habe Arbeit. Ich habe ein Kind und hoffentlich bald ein zweites. Meine Zukunft ist hier bei dir. Hier will ich investieren.»

Wir haben in Dättnau ein Reihenhäuschen gekauft. Unser zweites Kind kam auf die Welt. Ich war ganz bei dir. Nur mein Name deutete noch darauf hin, dass ich woanders geboren war.

Mein Herz schlug weiterhin italienisch. Die Wurzeln kann man nicht wegmachen.

Die Fäden nach Italien verschwinden aber immer mehr. Vor sieben Jahren sind meine Eltern gestorben. Nun fahre ich nicht mehr jeden Monat in die Abruzzen. Der Traum vieler Kollegen: arbeiten, Geld sparen, Haus bauen in Italien, nach der Pensionierung zurück, dolce far niente, gut essen. Dieser Traum ist und war nicht mein Traum. Und für viele, die es so gemacht haben, wurde es am Ende ein schweres Kreuz.

Als junger Mann hatte ich aber auch einen Traum: Ich wollte arbeiten, Geld sparen, einen «Fiat Punto 24 Cabriolet» kaufen und dann zurück nach Italien.

Ich habe das Auto nie gekauft. Und bin nie zurück. Ich habe meinen Traum bei dir gefunden.

Im Juli 1968 habe ich dich kennengelernt, als Tourist. Ich besuchte meine Geschwister, die bereits bei dir wohnten und arbeiteten. Ich war jung und machte mir keine Gedanken. Wir feierten und tanzten: im Wartmann, oberhalb des Café Kränzlin, im Schöntal. Ins Africana schauten wir auch rein. Doch da schickten sie uns raus. Weil wir Ausländer waren. Wenn du als Zwanzigjähriger nicht ins Tanzlokal darfst, nur weil du Italiener bist, fühlt sich das sehr schlecht an.

Eines Abends sagte der Bruder meines Schwagers: «Morgen um acht meldest du dich beim Portier von Rieter.» Ich ging hin. Der Portier und der Personalchef erwarteten mich. Ich gab ihnen meine Diplome. Fräser hatte ich gelernt. Der Personalchef brachte mich zum Lehrmeister. Dieser testete mich. Ich erzählte, was ich gelernt hatte. Ein junger Italiener übersetzte. Auch, als ich die achtzig Theoriefragen beantwortete. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt eine Frage richtig beantwortete, oder ob er beim Übersetzen einfach die richtigen Antworten einsetzte. Jedenfalls wollten sie mich einstellen.

Ich war mir nicht sicher: Ob ich bei dir bleiben will? Ob ich bei der Rieter arbeiten will? Ich grübelte auf der Heimfahrt; ich verpasste sogar meine Haltestelle. Ich hatte doch eine Freundin, ich konnte nicht einfach weg!

Trotz allem machte ich mich im Herbst wieder auf den Weg zu dir. Drei Franken Sechzig Stundenlohn. Das versprach mir Rieter.

In Chiasso mussten wir in einer langen Schlange stehen, alles junge Italiener. Alle nur in Unterhose. Unsere Dokumente wurden überprüft und unsere Gesundheit. Am Ende erhielt ich meine Papiere mit einem Stempel.

Ich begann bei Rieter zu arbeiten und blieb dort bis zur Pensionierung. Über vierzig Jahre. Die Arbeit war gut. Zusammen mit Menschen aus aller Welt: Türken, Spanier, Norditaliener, Schweizer. Meistens war das kein Problem. Es gab aber auch eine schlimme Zeit: die Ära Schwarzenbach. Da war ich noch nicht lange bei dir. Und schon wurde die Frage aufgeworfen, ob ich und alle anderen Italiener wieder zurückmüssen. Wir hatten Angst. Schweizer, mit denen wir vorher gut auskamen, und vor denen wir Respekt hatten, trugen plötzlich eine Plakette: «Italiani fuori!» – «Italiener raus!».

Deine Einwohner stimmten der Schwarzenbach-Initiative zu. Das machte uns zu schaffen. Es war eine schwere Zeit. Doch schweizweit wurde die Initiative abgelehnt. Da machten wir in unserer Abteilung eigene Plaketten: «Noi siamo qui» – «Wir sind hier.» Wir lachten, aber wir haben die Angst nie ganz verloren und den Hass nie ganz vergessen.

Dabei habe ich mich immer vorbildlich verhalten. Fast immer. In jungen Jahren hat mich einmal ein Polizist dabei erwischt, wie ich mich an der Zürcherstrasse erleichterte. Ich hatte zu viel Bier getrunken. Das schlimmste war, dass er mir zehn Minuten einen Vortrag hielt. Ich war noch nicht fertig! Die Busse betrug fünf Franken. Und ich musste versprechen, es nie wieder zu tun.

Oder dann, als ich mir ein Auto kaufte. Keinen «Fiat Punta 24 Cabriolet», wie ich mir erträumt hatte, sondern einen kleinen Bianchi. Stolz war ich trotzdem. Beim Neumarkt führte ich ihn meinen Kollegen vor. Wir plauderten. Etwas zu lange, denn plötzlich stand ein Polizist neben dem Auto. Ich rief: «Ich komme!» Er nickte und stellte eine Busse über zwanzig Franken aus. Nur eine einzige Minute stand mein neuer Wagen zu lange da!

Genug davon. Bei dir gibt es so viel Schönes! Die Töss, die sieben Hügel, wie in Rom, die Schwimmbäder, die Kultur, die Altstadt. Deine Altstadt gefällt mir. Mit Freunden treffe ich mich bei der EPA, auch heute noch, wo das Einkaufszentrum schon lange nicht mehr so heisst. Dann spazieren wir durch die Altstadt: Steinberggasse, Obergasse, Marktgasse, Metzggasse. Ich habe eine feste Runde in deinem Herzen.

Ich habe mit dir fast mein ganzes Leben verbracht. Habe meine Frau hier kennengelernt, meine Kinder aufwachsen sehen und mit Steuergeldern etwas zu deinem Leben beigetragen. Du bist meine Heimat.

Dein
Donato

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

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