Wir hier
Otto
Liebes Winterthur
Du hast dich verändert. Durch dich strömen jetzt mehr Menschen als früher. Wenn ich mit meinem Rad durch dich durchradle, muss ich aufpassen. Du wirkst hektisch. Es sind viel mehr Leute unterwegs. Vielleicht liegt es auch an mir. Auch ich habe mich verändert. Ich bin älter geworden. Das Parkinson macht mich langsamer.
Als Jugendlicher ging es flotter. Ich fuhr mit dem Velo durchs Eichwäldli, sprang über Hügel und flitzte zwischen den Bäumen durch. Mit einem Minivelo. Mehr als einmal brach meine Gabel. Platte Reifen: unzählige.
Im Sommer spielte ich Fussball auf der Talwiese oder im Schwümbi Oberi. Im Winter fuhr ich auf dem Zelgli Schlittschuh oder ich war im Maro «schüelen». Ich baute kleine Bobbahnen, drei bis fünf Meter lang. Zog Schuhe mit glatten Sohlen an und fuhr damit meine Bahn hinunter. Meine Schuhe waren schnell, gewachst noch schneller.
Vieles blieb irgendwann auf der Stecke. Auch wegen Verletzungen. Der Meniskus. Das Kreuzband. Immerhin: Mit fünfzig war ich noch jahrelang mit dem Mountainbike in deinen Wäldern unterwegs. Fast wie früher im Eichwäldli, nur mit besserem Material.
Über die Jahre wurdest du immer grösser. Deine Teile verschmolzen zu einem Ganzen. Dreissigtausend mehr, denen du ein Zuhause gibst. Das sind viel. Als ich hierherkam, waren es Achtzigtausend.
Ich rede wie ältere Leute: Früher ist alles besser gewesen. Vielleicht tue ich dir Unrecht. Ich weiss. Mein Erinnerungsvermögen ist mässig.
Als ich zu dir zog, Ende der Sechziger Jahre, entstand in Oberwinterthur ein neues Zentrum. Das Römertor. Ich war elf oder dreizehn. Oder fünfzehn. Meine Freunde und ich schlichen durch die Baustelle des Hochhauses, auf der Suche nach leeren Bierflaschen. Im Coop gab es für jede fünfzig Rappen. Einmal flog einer von uns in ein Loch. Drei Meter tief. Ins Dunkle hinein. Es machte ihm nichts. Wir hatten Glück.
Im Schwümbi Oberi hat mal einer auf mich geschossen. Mit einem Luftgewehr. Ins Bein. Von ausserhalb des Schwimmbads. Über den Zaun hinweg. Es tat weh. Die Polizei kam. Passiert ist mir nichts. Nur der rote Punkt am Bein und die Schelte meiner Mutter, was ich denn wieder gemacht hätte!
Ich habe dich von verschiedenen Seiten kennengelernt. In Oberwinterthur, wo ich aufgewachsen bin. Im Geiselweidquartier. In Wülflingen, wo ich heute lebe.
In deine Mitte, die Altstadt, komme ich nur noch selten. Und wenn, erkenne ich dich nicht mehr. Was dich früher ausmachte, ist verschwunden. Geschäfte wie der Giovanelli. Oder das Café Silberner Winkel, wo ich in meiner Kindheit Coupe essen war.
Heute stresst du mich. In deiner Mitte hat es immer viele Leute. Zu viele Leute für mich.
Menschenmengen sind nichts für mich. Ich war nie gern in der Masse. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich anders bin. Ich wählte immer links, auch als das noch nicht Mode war. Ich habe es nicht gern, wenn ich angeführt werde. In der Fussballmannschaft war ich Teil davon, konnte es mit allen nicht schlecht, war aber trotzdem für mich.
Ich muss gestehen, dass ich auch oft nicht bei dir war. Zwei Jahre lang pendelte ich nach London, um berufsbegleitend meinen MBA in Design Management zu absolvieren. Und als ich bei den Winterthur Versicherungen arbeitete, war ich in Nordamerika und in Osteuropa, um das visuelle Erscheinungsbild und damit auch deinen Namen in die Welt zu tragen.
Mit meiner Frau reiste ich fast ein ganzes Jahr durch die Welt. Aber das weisst du selbst. Du hast es aktenkundig: Wegzug nach Thailand 1987, Zuzug von Vereinigte Staaten 1988. Was du vielleicht nicht weisst: Ich habe meine Frau in Reno geheiratet.
Die Sachen, die wir in dieser Zeit unternahmen, würden wir nie im Leben mehr unternehmen. Wir haben alles gesehen, was wir gesehen haben möchten. Und trotzdem verlasse ich dich immer noch sehr oft. Im Sommer fahre ich mit meiner Frau bei schönem Wetter nach Humlikon. Mittagessen im Restaurant Kreuzstrasse. Mit dem Tandem. Immer die gleiche Strecke. Sofern das Wetter stimmt: ungefähr zwanzig Grad, sicher unter dreissig, nicht unter fünfzehn. Bei idealem Wetter auch mal drei Tage hintereinander. Oder vier. Sofern unser Restaurant offen hat. Auf dem Rückweg vielleicht ins Schwimmbad in Neftenbach. Das gefällt uns besser als dein volles Hallenbad.
Du weisst, heute wohne ich an deinem Rand. Dort, wo du fast schon nicht mehr bist. Aber du wächst weiter und es wird auch hier in Wülflingen voll. Es wäre für mich an der Zeit, noch weiter hinauszugehen. Aber dann würde ich dich verlieren. Ich wäre zu weit weg von dir. Ich habe fast mein ganzes Leben mit dir gelebt. Ich möchte dich nicht verlieren. Ich brauche dich.
Dein
Otto
«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.
Post bekommen
Abonnieren Sie den Newsletter von «Wir hier» und bekommen Sie Post. Wir halten Sie auf dem Laufenden über unsere Veranstaltungen und Projekte.
Impressum und Datenschutz