Wir hier
Tamara
Liebes Winterthur
Wenn ich an dich denke, denke ich an deine Mitte, an deine Altstadt, deinen inneren Kreis. Das bist für mich du. Mein Leben begann genau da. Ich kam in deinem Kantonsspital zur Welt und verbrachte den grössten Teil meines Lebens mit dir. Zwar wuchs ich in Seuzach auf und war später mal ein Jahr in Romanshorn, aber sonst war ich da bei dir. Und bin es heute noch.
Schon in der Zeit, als ich bei meiner Familie in Seuzach lebte, warst du mir nah. Ich machte meine Lehre beim Ziegler Druck, zu dem damals Der Landbote gehörte. Ich lernte Typografin.
Gut in Erinnerung ist mir das Ende meiner Lehre. Nachdem ich meine Abschlussprüfung bestanden hatte, lauerten mir im Betrieb die Ausgelernten auf. Sie schnappten mich und trugen mich zur Marktgasse. Auch die anderen drei Stifte, die mit mir abgeschlossen hatten, wurden mitgeschleppt. Ein grosses Rambazamba mit Geschrei und Jubel! Sogar ein Trommler begleitete uns. Vielleicht erinnerst du dich?
Als wir in der Marktgasse ankamen, warteten da viele Leute. Freunde, Bekannte und neugierige Passanten. Der Gautschmeister hielt eine Rede und dann warfen sie uns in deinen Justitia-Brunnen. So wurde ich gegautscht und damit als Typografin in den Kreis der Gebrüder Gutenberg aufgenommen. Als Dank mussten wir Gäutschlinge den ganzen Betrieb zu Bier und Kost einladen.
Ich glaube, ich erhielt damals auch einen Gautschbrief. Wo der ist? Keine Ahnung. Viel wichtiger war für mich die ganze Aufregung.
Wenn ich an diese Zeit mit dir zurückdenke, denke ich auch an den Giovanelli. Ein feiner, italienischer Laden. Ich ging dort in der Lehre oft einkaufen. Ein Bürli zum Mittagessen, etwas Kleines zum Znüni, solche Sachen. Ich erinnere mich noch gut an die Gerüche. Es roch nach Salami, Gewürzen und anderen feinen Sachen. Es gab auch ein Aquarium mit Fischen. Den Fischgeruch mochte ich weniger.
Daneben lag die Musicbox. Sie zog mich an. Ich stieg ab und zu in diese Gruft hinunter. Aber dann wusste ich gar nicht, was ich dort sollte. Ganze Platten hören war nicht so meins. Ich wollte lieber aktiv sein, mit anderen etwas bewegen.
In dieser Zeit schloss ich mich der Jugendlobby Kaktus an. Wir besetzten den Winterthurer Gemeinderat und stellten allen einen kleinen Kaktus auf ihren Platz, um zu zeigen, dass wir Jugendliche gehört werden wollen. Wir wollten, dass du dich veränderst. Dass es Kultur nicht nur für ältere Menschen gibt. Dass du auch für uns da bist.
Ich hatte ziemlich Angst, weil ich wusste, dass wir etwas machten, das man nicht darf. Wir zogen es aber durch.
Aus unserer Aktion entstand das Jugendparlament. Doch das interessierte mich weniger. Politik fand ich schon damals nicht so spannend. Da dauert alles so lange. Ich wollte schneller etwas bewirken. Darum engagierte ich mich bei der zweiten Sache, die aus unserer Aktion hervorging: Ich half beim Aufbau des Kulturzentrums Gaswerk mit.
Wir machten vieles selbst. Wir rissen Wände heraus, bauten um, gestalteten. An der Eröffnung spielte eine Hiphop-Band. Der grosse Frust für mich war, dass gar nicht viele Leute kamen. Wir dachten, dass du das Zentrum brauchst, und dann lief es nur mässig an. Das Kino Nische, das etwas später entstand, lief besser. Doch ein zweites belebtes Zentrum für dich, ausserhalb der Altstadt, so wie wir uns das vorstellten, wurde das Gaswerk nie. Nicht einmal das ursprünglich geplante Restaurant konnten wir uns leisten. Und trotzdem konnte ich dazu beitragen, dass du dich entwickelst. Mir war wichtig, dass aus dir etwas Gutes wird – und ich glaube, das ist geschehen.
Einen Moment habe ich noch im Kopf: Boni Koller legte auf. Und der ganze Raum war gefüllt mit Plüschtieren! Gespendet von den Backstreet Boys. Sie traten am Wochenende zuvor auf der Schützenwiese auf und ihre Fans hatten ihnen tonnenweise Plüschtiere auf die Bühne geworfen. Frag mich nicht, wie wir dazu gekommen waren; aber die Plüschtier-Disco war toll!
Es war eine schöne Zeit für mich. Oft hatte ich Bands zu Hause, die im Gaswerk auftraten. Das Gaswerk war mein Zuhause. Aber diese Zeit ist für mich vorbei. Ich war schon lange nicht mehr da.
Heute findest du mich an anderen Orten, etwa im Rosa Pulver oder in der Osteria del fiore. Ich habe mich entwickelt. Auch persönlich. Ich wurde gelassener, schätze mehr deine ruhigen Orte, deine grünen Ecken. Dein Bäumli, deinen Eschenberg, dein Römerholz. Deine Wälder. Die Töss.
Mein absoluter Lieblingsort ist aber mein Häuschen in der Breite. Das ist ein Glück! Vor einem Jahr konnten wir es mieten und ich fühle mich richtig wohl da. Ich bin dankbar, dass ich da wohnen darf. Auch weil ich da so nah bei dir bin, deiner Altstadt und deiner Natur.
Deine
Tamara
Mehr über Tamara erfahren: Tamara Winiger ist Kunsttherapeutin und Coach. Sie bietet Kunsttherapie, Lehrtherapie und Systemisches Coaching an. Besonders gerne arbeite sie mit Menschen, die Veränderungen in ihrem Leben anstreben und sich mutig auf einen kreativen oder therapeutischen Prozess einlassen. https://www.kunsttherapie-atelier.ch/
«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.
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