Wir hier

Sonja

Liebes Winterthur

Ich könnte Taxichauffeurin sein. Ich brauche kein Navi, um mich in dir zurechtzu­finden. An so vielen deiner Ecken habe ich schon gelebt.

Im Rosenberg lernten wir uns kennen, als ich als junge, alleinerziehende Mutter aus dem Thurgau zu dir zog. In Hegi lebte ich eine Weile, im Haus eines Arztes, als er dich für zwei Jahre verliess. In Oberwinterthur, wo ich mit meinem Mann zusammenzog, blieb ich nur kurz. Dafür neun Jahre lang in Töss in einem schönen Haus, das ich von dir mieten durfte, zu einem wirklich moderaten Preis. In Oberseen, wo wir ein Haus in der damals grössten Solar­siedlung der Schweiz kauften, blieben wir nur zweieinhalb Jahre. Heute wohnen wir in Wülflingen.

Ich kenne dich seit über fünfzig Jahren. Und ich muss sagen: Du hast dich gemacht. Kannst du dich erinnern als mitten in dir, in der Steinberggasse, noch überall Parkplätze waren? Im Oberen Graben stand kein einziger Baum; auch da Parkplätze rechts und links. Du warst eine Stadt für Autos.

Heute rollt kein Verkehr mehr durch deine Mitte. Sogar die Stadthausstrasse ist jetzt autofrei. Alles Fussgängerzone. Ein grosser Gewinn!

Wenn ich dich jemandem vorstelle, dann erzähle ich davon, wie du dich gewandelt hast. Früher hast du von der Industrie gelebt. Heute bist du eine Hochschulstadt mit einem grossen kulturellen Angebot.

Ich gehe gerne in deine Theater, in deine Museen, in deine Kulturkinos. Ich liebe das Cameo. Früher gab es nur die Loge. Jetzt mit dem Cameo noch ein weiteres Kino für anspruchsvolle Filme. Es gefällt mir, wie du dich entwickelst.

Im Sommer lege ich mich in der Mittagspause manchmal in deinen Stadtpark oder setze mich auf den Kirchplatz. Es sind gute Orte. Letzten Herbst war ich mit meinem Enkel auf dem Kirchplatz. Er fütterte die Schlangenskulptur von Schatzmann mit Blättern. Das macht es für mich aus: dass ich Freude habe, dich an die nächste Generation weiter­zugeben.

Du gibst mir viel. Aber ich gebe dir auch viel. Ich habe mich als Pflegefachfrau am KSW und später nach dem Studium und Weiterbildung zur Psychotherapeutin mit eigener Praxis um deine Kranken gekümmert. Als ich kürzlich meine Praxisbewilligung abgegeben habe, hat mir die Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich einen Brief geschickt, in dem sie sich bedankte für meine jahrzehntelange Arbeit an kranken Menschen. Das schätzte ich sehr. Wir stehen im Austausch. Ich sehe mich als Gebende und als Nehmende.

Wenn ich auf deinen Markt in der Altstadt gehe, treffe ich fast immer jemanden den ich kenne. Das gibt mir ein Zugehörigkeitsgefühl. Von «Heimat» will ich nicht sprechen.  Dennoch habe ich gelernt, mich heimisch zu fühlen. Nicht heimatlich, sondern heimisch.

Wobei: Das ist nicht ganz richtig. Ich fühlte mich bei dir schon lange heimisch und doch nicht ganz. Das hat mit meinem Mann zu tun.

Mein Mann hoffte, dass wir in Oberseen in der Solarsiedlung unser Zuhause haben. Schliesslich hatten wir da unser eigenes Haus. Aber es ging nicht. Immer wieder stand unser Keller unter Wasser. Wir mussten weg. Ich wollte weg. Wir schauten vieles an, nichts passte. Letztlich zogen wir hierhin: nach Wülflingen.

Ich habe gedacht, es kann Jahre dauern, bis mein Mann sich hier heimisch fühlt. So war es auch. Unser Glück war, dass er sich in der Kirchgemeinde engagierte. An einem Abend nach einer Veranstaltung sass er noch beim Pfarrer bei einem Glas Wein, zusammen mit Freunden. Als er nach Hause kam, sagte er: «Jetzt fühle ich mich daheim.»

Dass auch mein Mann das sagen kann, erleichterte mich. Zusammen heimisch sein ist viel schöner als allein heimisch zu sein.

Deine
Sonja

«Wir hier. Briefe an Winterthur» ist ein Projekt von Daniel Fehr und Monika Wilhelm. Sie haben im Jahr 2025 mit verschiedenen Menschen aus Winterthur über deren Beziehung zur Stadt gesprochen. Die Briefe basieren auf den Gesprächen und sind von Monika Wilhelm und Daniel Fehr geschrieben.

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